Mit spitzer Feder …

Wann haben Sie zuletzt gebetet? Gestern? Vor Jahren? Oder würden Sie sagen: «Ich bete überhaupt nicht?» Die Frage erinnert an Goethes Faust: «Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?» Auch die Frage nach dem Beten löst heute bei vielen Menschen eher Zurückhaltung als Gesprächsfreude aus.
Für mich ist das Gebet ein tägliches Ritual, das ich nicht missen möchte. Es ist ein Raum, in dem Glaube, Hoffnung und Liebe lebendig werden. Es schenkt mir Freiheit und macht mich glücklich. Beten ist für mich kein «Wunscherfüllungsautomat», bei dem ich Bestellungen aufgebe und auf ihre Erfüllung warte. Vielmehr ordnet es meine Gedanken, lässt Hoffnung wachsen und führt mich immer wieder zu einer tiefen inneren Ruhe. Im Gebet zapfe ich meine göttlichen Ressourcen an. Ich finde Kraft, wenn ich müde bin, Orientierung, wenn ich den Überblick verliere, und Halt, wenn das Leben ins Wanken gerät. Beten verbindet mich mit einer Wirklichkeit, die grösser ist als ich selbst. Aus Angst kann Vertrauen wachsen, aus Unruhe Frieden und aus Ohnmacht neue Zuversicht. Das Gebet öffnet einen Raum, in dem wir nicht alles allein tragen müssen. Es erinnert uns daran, dass wir nicht nur auf unsere eigenen Möglichkeiten angewiesen sind. Dass es eine Quelle gibt, aus der wir immer wieder schöpfen dürfen – eine Quelle der Liebe, der Hoffnung und des Vertrauens. Wer betet, ist nicht fern der Wirklichkeit. Im Gegenteil: Er gewinnt die Kraft, ihr mit offenem Herzen zu begegnen.
Ich glaube, dass die göttliche Kraft nicht irgendwo fern von uns existiert, sondern in jedem Menschen gegenwärtig ist. Wir tragen einen göttlichen Funken in uns. Wir sind nicht bloss Spielball des Schicksals, sondern Mitschöpfer unseres Lebens. Gott und die geistige Welt nehmen uns die Entscheidungen nicht ab. Sie drängen sich nicht auf. Aber sie weisen uns den Weg – leise, liebevoll und oft durch unsere Intuition, durch Begegnungen oder durch jene innere Stimme, die wir im Lärm des Alltags so leicht überhören. Beten bedeutet für mich deshalb weit mehr, als Worte an die geistige Welt zu richten. Es ist die radikale Erkenntnis, dass die Quelle allen Seins bereits in unserem Bewusstsein angelegt ist. Im Gebet verbinde ich mich mit dieser Quelle. Ich öffne mich für die göttliche Weisheit, die mich trägt und durch mein Leben wirken möchte. Je tiefer ich mich auf diese Verbindung einlasse, desto deutlicher erkenne ich: Die Antworten, nach denen ich suche, kommen nicht immer von aussen. Oft wachsen sie in der Stille meines Herzens. Das Gebet verändert nicht Gott – es verändert meine Wahrnehmung. Es öffnet mein Herz für Möglichkeiten, die ich vorher nicht sehen konnte, und schenkt mir den Mut, den nächsten Schritt zu gehen. Beten erinnert uns daran, wer wir im tiefsten Inneren sind – geliebte Menschen, getragen von einer grösseren Wirklichkeit und verbunden mit einer Quelle unerschöpflicher Liebe, Weisheit und schöpferischer Kraft.
Ich bin überzeugt: Die göttliche Wirklichkeit begegnet uns nicht nur im Gebet. Sie ist in jedem Augenblick unseres Lebens gegenwärtig. Gott und die geistige Welt sprechen auf vielfältige Weise zu uns – durch unseren Geist, unsere Seele und unseren Körper, durch die Schönheit der Natur, durch einen Baum, ein Tier, durch eine unerwartete Begegnung, ein Wort, eine Geste oder ein scheinbar zufälliges Ereignis. Oft sind es die leisen Töne, die Zwischentöne, die mehr sagen als laute Botschaften. Die göttliche Sprache drängt sich nie auf. Sie ist sanft, liebevoll und respektiert unsere Freiheit. Sie lädt ein, statt zu zwingen. Wer aufmerksam lebt, entdeckt immer wieder Spuren dieser Gegenwart – kleine Zeichen, die Mut machen, Orientierung schenken oder das Herz berühren. Doch wir haben in unserer hektischen Welt ein Stück weit verlernt, diese Sprache zu hören. Oftmals überhören wir die leise Stimme im Innern. Beten bedeutet deshalb für mich auch, die eigene Wahrnehmung zu schulen. Wer mit offenem Herzen durch das Leben geht, wird entdecken, dass die göttlichen Mächte uns unablässig entgegenkommen – oft verborgen, manchmal überraschend, aber immer voller Liebe.
Herzlichst,
Ihre Corinne Remund
Verlagsredaktorin




